Fotografien von Maximilian Meisse
Texte von Dieter Kosslick und Ingemar Vollenweider
24 x 27 cm, 117 Seiten, 60 Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0697 4
© 2008 Maximilian Meisse
Eine Sichtweise öffnet sich. Sie scheint lapidar. Sie bildet Körper und Räume
ab, den Rhythmus von Fensteröffnungen, Pfeilern und Deckenbalken.
Treppenläufe, Korridore, Türportale. Oberflächen aus poliertem Stein,
lackiertem Holz und glänzendem Gummi, mattiertes Glas, gestrichener Stahl.
Architektur ganz bei sich selbst. Monumental oder anonym. Funktionsbereit.
Sauber. Das elektrische Licht brennt. Warum eigentlich? Auf wen warten diese
Räume? Erst auf den zweiten Blick fallen die Spuren der Benutzung auf. Die
Gepäckbänder, Fluchtwegschilder, leeren Trolliwagen. Flugzeuge, einzelne nur,
die sich auf der Luftseite unter dem grandiosen, bogenförmig weit
aufgespannten Vordach verlieren. Die Bilder scheinen vorweg zu nehmen, was
kommen wird. Tempelhof wird geschlossen. Die Bilder rechnen mit diesem
Verlust, dokumentieren ihn. Ohne Nostalgie, nur mit Neugier. Neugier für das,
was zu sehen ist und für die Frage, wie man sich mit den Mitteln der
Fotografie davon ein Bild machen kann. Das Besondere daran ist die Herausforderung,
dieses Haus sichtbar zu machen, eines der größten, geladen mit
Bedeutung. Das ist das einzige Konzept. Keine thematische Schablone des
Blicks, keine dramaturgisch digitale Manipulation. Ein eigenständiges Format.
Architekturfotografie konzentriert sich heute auf die Verwertbarkeit
zeitgenössischer Autorenarchitektur. Fotografische Kunst setzt auf die
Prägnanz thematischer Reihen und die Wiedererkennbarkeit einer homogenen
Darstellung. Die Auseinandersetzung mit der Form und Ganzheit eines historisch
verifizierbaren Objekts kommt nicht vor, scheint zu nahe am Realismus der
Fotoreportage.
An dieser Grenze entstehen die Bilder vom Flughafen Tempelhof, die sich in
einer grossen, kreisenden Bewegung vom weit aufgespannten
Landschaftspanorama der Romantik bis in die kleinen, beklemmenden Stillleben
unserer Tage einfühlen. Die Gleichzeitigkeit dieser Bildgenres ist kaum
ironisches Spiel, sondern souveränes Handwerk einer symphonischen Strategie.
Der Blick ist nicht einheitlich, die Motive sind es auch nicht. Die
Spannkraft der grossen, rigorosen Form, die in den Bildern der Haupthalle
zwischen dem wunderbar sanft durch mattiertes Glas einfallenden Seitenlicht
und dem harten, geometrisierten Kunstlicht der Fluoreszenzröhren an der Decke
oszilliert, wird schrittweise aufgelöst und verwandelt bis zur bedrohlich
diffusen Raumstimmung der anonymen Wartezonen für Militärs und Politiker, die
in den Nachkriegsjahren irgendwo in dem riesigen Haus eingerichtet wurden,
zwischen grauem Teppichboden und tief abgehängten Schallschutzdecken. Blick
und Bildkomposition folgen dem räumlichen und atmosphärischen Szenario der
Architektur. In der zentralen Halle sind sie ausgerichtet an der
Monumentalität der seriellen Ordnung und ihrer frühmodernen Eleganz. An den
Rändern und in Nebenräumen geben sie der Beiläufigkeit von kleinen,
provisorischen Orten nach. So zeichnet der Weg der Kamera durch das endlose
Haus auch eine Zeitreise nach. Eine Fotogeschichte im doppelten Sinne.
Der Flugbetrieb wird eingestellt. Das Haus bleibt stehen, es ist
denkmalgeschützt. Die üblichen Ausstellungstafeln vielleicht in der
Eingangshalle, deren Deckenhöhe lange schon mit Gipskartonplatten
entnazifiziert worden ist, werden von einer kurzen, intensiven Geschichte
erzählen. Welthauptstadt, Krieg, Luftbrücke, City-Airport. Und sonst? Was wird
mit all diesen Hallen und Räumen in einem Haus über 1000 Meter lang, drei
Geschosse tief in die Erde gebaut, geschehen? Mehr Ausstellungsflächen für
moderne Kunst? Shopping Mall, Business Center, Megadisco oder Techno Park?
Dieses Haus hält alles aus, wer aber soll das heute finanzieren und betreiben,
in Berlin? Für die Zeit, bis es soweit ist, entwerfen diese Fotografien
von leeren Räumen und verlassenen Orten eine radikale, verschwenderische
Alternative. Abschließen, Licht brennen lassen. Der Schlüssel ist beim Kiosk
am Abgang zur U-Bahnstation „Platz der Luftbrücke“ hinterlegt. Keine
Führungen, nur kleine Schilder auf der Wand, als Legenden zu den einzelnen
Situationen und ihren Geschichten. Bilderphantasie zu einer utopischen
Architektur.